Berlin ist NICHT Stuttgart

Es wird wieder protestiert in Deutschland. Nicht ganz so temperamentvoll wie in Frankreich oder Griechenland, aber immerhin geht man auch hierzulande wieder auf die Straße. Das biedere Stuttgart hat sich zum Vorbild für einen Bürgerprotest entwickelt, der sich von den Regierenden propagandistisch nur noch schwer in die Revoluzzerecke abschieben lässt.

Stuttgart 21Und auch die Antiatomproteste haben in diesem Herbst angesichts einer schamlosen Klientelpolitik der Bundesregierung einen neuen Aufschwung erlebt. Analysten und Kommentatoren beleuchten lustvoll diese Entwicklungen und viele Menschen empfinden unabhängig davon, wie nah sie den eigentlichen Forderungen der Proteste stehen, Sympathie für diesen erfrischenden Wind in der ansonsten eher entmutigenden Politiklandschaft.

Gemein ist den oben genannten Protestbewegungen, dass sie sich gegen eine allzu offensichtliche Übervorteilung der Allgemeinheit zugunsten einzelner Profiteure wenden, die mit diesen Projekten gigantische Gewinne erzielen wollen. In dieser Ausrichtung unterscheiden sich die Proteste gegen Bahnhofsbau und Atompolitik deutlich von anderen, die versuchen, in ihrem Windschatten mitzusegeln.

Das passiert beispielsweise gerade in Berlin. In ganz Berlin? Nein, nur in einem kleinen Teil davon, nämlich in Lichtenrade und Zehlendorf. Dort kämpfen Bürger dagegen, dass nach neueren Planungen ein Teil der Flugrouten des im Bau befindlichen neuen Flughafens auch über ihre Viertel führen sollen. Soweit, so gut und nachvollziehbar. Lautstark werden Emotionen und Argumente vorgetragen. Die Wortführer sprechen von „Montagsdemos“ und „runden Tischen“. Man lässt verlauten, Berlin sei das neue Stuttgart. Mir erscheint das unredlich.

Hier kämpfen Menschen im Windschatten gemeinnütziger Protestbewegungen um ihre ausschließlich privaten egoistischen Vorteile. Denn es geht nicht etwa um die Verringerung des Fluglärms am neuen Flughafen. Die Flugzeuge können ruhig starten und landen, wie sie wollen. Nur nicht über den Häusern der Lichtenrader und Zehlendorfer, sondern bitteschön über den Häusern anderer, weniger wehrhafter Gemeinden in Brandenburg. Getreu dem Motto: „Was schert mich fremdes Leid“.

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